Über

Zwei Gemeinden – ein Garten:

Der Gemeinschaftsgarten NiemandsLand

Eines der aktuellen Projekte der Evangelischen Kirchengemeinde Versöhnung und der Evangelischen Kirchengemeinde Am Weinberg ist ihr Gemeinschaftsgarten „Niemands Land“ (Foto oben). Er wird gemeinsam von Aktiven aus den benachbarten Kiezen und Ehrenamtlichen aus beiden Gemeinden gestaltet und bearbeitet. Der Garten liegt an der Bernauer Straße Nr. 4, 10115 Berlin-Mitte – gleich hinter der Kapelle der Versöhnung. Der dortige St. Elisabeth Friedhof stellte 2015 für das Projekt eine kaum noch genutzte Wirtschaftsfläche zur Verfügung. Inzwischen hat sich aus beiden Gemeinden eine Gruppe von rund 30 Ehrenamtlichen gefunden, die vor zwei Jahren Ideen zusammen getragen haben für die Konzeption des Gartens. Mehrere Arbeitseinsätze verwandelten 2016 und 2017 das brache Stück Land: es entstand eine zu allen Jahreszeiten üppig blühende grüne Oase. 2016 sind bereits zwei Bienenvölker eingezogen.

 

Das Gartenprojekt hat zwei Hauptanliegen. Einerseits wird der Garten genutzt als einladender Begegnungsort unter den Bäumen im Grünen, für Menschen aus den Gemeinden und ihre Gäste. Andererseits gibt es individuell verantwortete und jedes Jahr neu verteilte Beete: für Gemüse und Blumen.

 

Wo jetzt der Garten entstanden ist, verlief bis 1989 die Berliner Mauer. Wo sich einst das Todesfeld befand, wächst wieder das Leben aus der Erde. Wo hier am Eisernen Vorhang für viele die Welt zu Ende war, gibt es jetzt nur noch einen niedrigen Gartenzaun, für das Gespräch unter Nachbarn aus den verschiedenen Stadtteilen und Kulturen.

 

ALTE VERSÖHNUNGSKIRCHE UND FRÜHERES GEMEINDEHAUS

 

Nach dem am 13.8.1961 erfolgten Mauerbau fiel in der West-Berliner Versöhnungsgemeinde bald die Entscheidung, den Menschen ein neues Domizil zu geben – nun auf der Westseite der Bernauer Straße. Am 20. September 1965 war die feierliche Schlüsselübergabe.
Unbenannt

 

Das Haus war als „vorübergehend zu nutzender Ersatzbau“ geplant – für die seit dem Mauerbau 1961 nicht mehr zugängliche Versöhnungskirche. Diese stand auf Ostberliner Seite, mitten im Todesstreifen. Unsere obige grafische Abbildung ist eine seltene Darstellung, das beide kirchliche Gebäude zusammen auf einem Motiv zeigt: Links die 1894 errichtete neogotische Versöhnungskirche, rechts das Gemeindezentrum als „treppenförmiger“ Pionierbau aus den 60er Jahren der Berliner Moderne. Dazwischen – die Mauer, in jenem Sommer `61 hastig errichtet aus Hohlblocksteinen.

 

Spätere Motive zeigen nie mehr beide Kirchgebäude zusammen. Die neue Zeit forderte Konzentration auf je eigene Aufgaben. Mit den Jahren haben sich die Berliner Gemeinden beider Seiten, in Ost und West, pragmatisch mit der Teilung eingerichtet. Auch die alte Versöhnungskirche schien zu einer vergangenen Zeit zu gehören. Sie spielte für die meisten im Weddinger Gemeindealltag keine Rolle mehr. Im Januar 1985 wurde sie auf Befehl der DDR-Regierung gesprengt. Vorausgegangen waren siebenjährige Verhandlungen des Ostberliner Magistrates, der die alte Kirche abreißen wollte. Seit August 1961 war ihr Turm zum weitaufragenden anklagenden Symbol der deutschen Teilung geworden. Weil sich das Gotteshaus zwar auf Ostberliner Gebiet, jedoch im Besitz der Westberliner Versöhnungsgemeinde befand, ließ sich das Gebäude nicht einfach beseitigen. Erst als der Gemeindekirchenrat der Versöhnungsgemeinde 1983 auf Bitten der Konsistorien in Ost und West der Aufgabe seiner Kirche zustimmte, wurde das Vorhaben konkreter. Hintergrund war ein mit dem Ostberliner Magistrat ausgehandelter notarieller Gebietstausch. Für das an die DDR verkaufte Grundstück, auf dem einst die Versöhnungskirche stand, wurde im Ostberliner Neubaugebiet Hohenschönhausen ein Gemeindezentrum errichtet und 1988 eingeweiht.

 

NACH DER FRIEDLICHEN REVOLUTION

 

1995 bekam die Versöhnungsgemeinde ihr Grundstück zurück übertragen, mit der Auflage, diesen Ort erneut sakral zu nutzen. Auf den Fundamenten der alten Kirche wurde aus Lehm und beigemischtem Schutt der gesprengten Kirche die „Kapelle der Versöhnung“ errichtet und 2000 eingeweiht. Die Kapelle wurde zunehmend zum Mittelpunkt der Gemeindeaktivitäten, mit den Jahren fanden sich auch mehr und mehr Besucher ein. Heute hat sich eine große Gruppe ehrenamtlicher Kirchenhüter gefunden, die in drei Schichten täglich einheimische und internationale Besucher der Kapelle willkommen heißen. Zwischen 1.500 und 2.000 Menschen besuchen jeden Tag unser kleines Gotteshaus.

 

Dafür wandelte sich die Nutzung im Gemeindehaus. Heute befinden sich in 97 Prozent der ehemaligen kirchlichen Räume Ausstellungsflächen vom Dokumentationszentrum Berliner Mauer und seiner Verwaltung. Im alten Kirchsaal, im 1. Stock mit seinen großen Fenstern, sind u.a. die 80er Jahre nachgezeichnet mit den Initiativen der ostdeutschen Oppositionsgruppen, demokratische Reformen einzufordern. Diese Bewegungen, die vielfach unter dem Dach der Kirchen gearbeitet haben, waren einer der Gründe die zum Untergang der DDR führten.

 

Die Gemeinde nutzt heute, nach vielen Umbauten der Jahre 2013/2014, in dem großen Haus noch einen Gemeinderaum, ein Büro und eine Teeküche. Als im Herbst 2015 das „alte“ Gemeindehaus 50 jahre alt wurde, haben wir auch genau dort gefeiert – am historischen Ort, im alten Kirchsaal. Nach dem von vielen Weggefährten der Gemeinde gut besuchten Festgottesdienst haben wir auf die Geschichte(n) des Hauses geblickt. Es galt zu erzählen von jenen, die in den fünf Jahrzehnten das Gebäude vom Keller bis unter das Dach mit Leben füllten. Jugendliche, die aus und ein gingen. Menschen, die Rat und Begleitung suchten – und fanden. Gruppen und Kreise, die nachdachten, Aktionen planten, mit Stadtteilgremien und Institutionen zusammen arbeiteten. Und wir haben das Zusammensein mit Gemeindegliedern, Gästen und Freunden zum Ausblick genutzt – auf unsere heutigen Herausforderungen in der Versöhnungsgemeinde.

Thomas Jeutner, Pfarrer